k+a 2020.2 : Architektur und Automobil | Architecture et automobile | Architettura e auto

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Zuerst wurde ein Rohstoff entdeckt: Erdöl. Ein fast harmloser Fund vor 160 Jahren irgendwo in Pennsylvania. In Verbindung mit dem Verbrennungsmotor im Automobil hat Erdöl dann aber ab Mitte des 20. Jahrhunderts eine nie dagewesene Dynamik entwickelt: Städte, Landschaften, Architektur – unser ganzes Leben wurde umgewälzt. Unsere Autorinnen und Autoren untersuchen verschiedene Bauaufgaben und fragen sich, wie Bauten und Automobil die Schweiz seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben – eine Zeitspanne, in der sich die Siedlungsflächen in der Schweiz verdoppelten. «Es gibt eine Schweiz vor und nach dem Auto. Wir haben im Prinzip nichts anderes gemacht als die Herrichtung des Vaterlandes zum Gebrauche des Automobils», wie es Architekturkritiker Benedikt Loderer kürzlich pointiert ausdrückte. Dass die dazugehörigen Infrastrukturbauten aber auch faszinieren können, zeigen die Bilder von Christian Menns künstlerisch gestalteten Brücken in diesem Heft.

Mit seiner Dynamik und als Sinnbild der Moderne übte das Automobil eine starke Faszination auf die Avantgarde aus und beflügelte viele Architekturdebatten. Experimentierfreude und stilistische Vielfalt führten innerhalb weniger Jahrzehnte zu prägnanten Bauten mit teilweise gewagten skulpturalen Formen – Ausdruck einer grossen Fortschrittsbegeisterung. Davon ist im architektonischen Einerlei der Gegenwart kaum mehr etwas zu spüren – baukünstlerische Momente sucht man vergeblich. Umso mehr lohnt sich ein Blick zurück!

 

Essay | Essai | Saggio
Simon Bundi
Architektur mit dem Automobil
Ein Überblick bis in die Blütezeit des Autobooms Anfang der 1970er Jahre

Zusammenfassung
Als Sinnbild der Moderne regte das Auto bereits die avantgardistische Architekturtheorie der 1920er Jahre an. Das Neue Bauen brachte auch die grossen Reparatur-, Verkaufs- und Parkgaragen hervor. Später entwickelte sich die Architektur für das Automobil mit den verschiedenen Strömungen der modernen Architektur weiter – mit Ausnahme einiger Tankstellen der 1950er Jahre, die vom Landistil geprägt waren. Die prägnantesten Bauten der 1930er bis 1960er Jahre versuchten, mit Flugdächern oder skulpturalen Formen am Strassenrand ein prägnantes, vielleicht sogar fortschrittbegeistertes Zeichen zu setzen. Hingegen blieben reine Reparatur- und Verkaufsgaragen meist einer sachlichen Gestaltung verpflichtet, bis hin zum Systembau, der auf diesem Gebiet um 1970 seine Blüte entfaltete. Nicht nur diese stilistische Vielfalt ist heute verschwunden, sondern auch Bauaufgaben wie Motels oder Auto-Bankschalter. Geradezu undenkbar wäre heute eine Tankstelle für eine einzige Wohnüberbauung.

 

Dossier 1
Anne-Catherine Schröter
Schweizer Parkhäuser
Ein Streifzug durch die Geschichte der Parkhausarchitektur

Zusammenfassung
Garagen und Parkhäuser zeugen von der Entwicklung und gesellschaftlichen Bedeutung des Autos und prägen das Gesicht unserer Städte und Landschaften bis heute. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mechanische Parkhäuser die Norm, bei denen die Autos mithilfe von Liftsystemen und Drehscheiben zu ihrem Abstellplatz befördert wurden. Eines der ersten Beispiele in der Schweiz ist die 1925/26 gebaute Bourbaki-Garage in Luzern. Die frühen Parkhäuser und Garagen wurden oft mit weiteren Funktionen kombiniert. So verfügte beispielsweise die 1927/28 erbaute Schlotterbeck-Garage in Basel über eine Tankstelle, Reparaturwerkstätten und Autowaschplätze, aber auch über einen eigenen Tearoom, einen Zigarrenladen und eine Fahrschule. Mit dem Wirtschaftsaufschwung und der Massenmobilisierung nach dem Krieg erlebte der Parkhausbau einen Boom und wurde zu einem verkehrsplanerischen und städtebaulichen Leitthema. Die Schweiz wurde zu einer Pionierin des Tiefgaragenbaus. Neue Entwicklungen in der Hydraulik sowie der Elektro- und Messtechnik ermöglichten die vollständige Automatisierung von Parkhäusern, wie das Beispiel des 1958 eröffneten Autosilos in Basel zeigt. Ein weiteres Thema der Nachkriegszeit war die architektonische Gestaltung von Parkhausfassaden. Durch Auflösung oder starke plastische Gestaltung sollten die Bauten besser in das städtische Gefüge integriert werden. Ab den 1970er und 1980er Jahren regte sich mit dem Einsetzen der Umweltbewegung zunehmend Widerstand gegen den Ausbau von Verkehrsinfrastrukturen, insbesondere von Parkhäusern. Es entstanden kaum noch Parkhäuser in den Stadtzentren. Stattdessen wurden Park-and-ride-Anlagen am Rand der Stadt erstellt.

 

Dossier 2
Maria Piceni
I motel: hotel per la mobilità
Viaggio alla scoperta dei motel ticinesi e dei loro progettisti

Zusammenfassung
Tessiner Motels entdecken: Hotels für die Mobilität
Der Motelboom der fünfziger Jahre zeigte sich auch im Kanton Tessin, wo mehrere modern konzeptionierte Anlagen zur Aufnahme der motorisierten Touristinnen und Touristen von überall her entstanden. Die sich an amerikanischen Vorbildern orientierenden Entwürfe der Tessiner Motels bildeten ein Experimentierfeld für Architekten, Ingenieure und Baumeister. Es entstanden meist niedrige ein- bis zweigeschossige, praktische Bauten von schlichter Gestaltung, die zur Aufnahme der Reisenden mit ihrem Auto massgeschneidert sind: für den Tourist und die Touristin einfache, aber gut ausgestattete und günstige Zimmer mit möglicher Nutzung von Bar, Restaurant, Schwimmbad und Grünflächen, fürs Auto praktische und grosszügig gestaltete Zufahrts- und Manövrieranlagen, kostenlose Parkplätze oder eine Garage in Zimmernähe, Tanksäule und eine kleine Werkstatt für alle Eventualitäten. Von diesen aussergewöhnlichen Bauten sind leider nur wenige Zeugnisse erhalten geblieben. Mit der Verlagerung des Strassenverkehrs auf die Autobahn haben die Kantonsstrassen ihre Bedeutung als obligater Ort der Durchreise verloren. Viele dieser Bauten werden nicht mehr genutzt und haben ihren Platz dem Autobahnmotel überlassen.

 

Dossier 3
Marcel Just
Die Schweizer Tankstelle – das unbekannte Wesen

Zusammenfassung
Auf der Suche nach historischen Schweizer Tankstellen mäandert man zwischen bereits publizierten Quellen, Archiven, Befragungen von Denkmalpflegeämtern und Informationen von Erdölfirmen; meistens bleibt es jedoch bei enttäuschenden Ergebnissen. Die Tankstelle scheint in der Architekturforschung auf wenig Interesse gestossen zu sein. Generell wurde Kleinarchitektur seit je stiefmütterlich behandelt. Hinzu kommt die schnelle Entwicklung des Autoverkehrs, die laufende Infrastrukturerweiterungen und Designanpassungen forderte. Der Versuch einer Erinnerungsauffrischung mittels der wichtigsten Entwicklungsetappen der Tankstelle und anhand exemplarischer Beispiele soll ein erster Schritt sein, diese «Gattung» ins Bewusstsein zu rücken. Vielleicht werden damit auch weitere Forschungsarbeiten angeregt, damit die Bauten nicht ganz in Vergessenheit geraten.

 

Interview
Michael Leuenberger
« La neige à la rescousse de la mobilité piétonne »

Une discussion critique avec Denis Clerc sur les conséquences de la mobilité automobile et de l’étalement urbain au XXe siècle. Quelles étaient les mesures concrètes pour une ville comme La Chaux-de-Fonds et quelles sont les perspectives d’évolution et les visions pour le XXIe siècle ?

 

Fotoessay
Kalkulierte Eleganz – die Brücken von Christian Menn

 

Dossier 4
Erik Wegerhoff
Eine automophile Architektur
Das Zürcher Hochhaus zur Palme

Zusammenfassung
Mit einer Auskragung von gut zwanzig Metern, einem Winkel von fast 360° und einer Belastungsprobe mit über 40 Bauarbeitern war die Sensation des 1964 fertiggestellten Hochhauses zur Palme nicht dessen aufragender Bürotrakt, sondern die Parkingrampe. Der Artikel untersucht den wegweisenden Bau von Haefeli, Moser, Steiger mit André M. Studer als automobilorientierte Architektur der 1950er und 1960er Jahre, von den ostentativ aufs Dach gefahrenen Autos bis hin zum Diner Silberkugel (von Justus Dahinden) und der Belichtung der unterirdischen Autowaschplätze über eine vor dem Eingang platzierte Brunnenschale. Einen Topos der frühen Moderne aufgreifend, reagierte der Bau gerade mit seinen gewagten Auskragungen auf das dynamische Gefährt, indem er die Statik der Architektur augenscheinlich überlistete – und die aufkommenden Verkehrsprobleme mit einem schwungvollen Lebensgefühl überspielte.

 

Dossier 5
Bernadette Fülscher
American Dream im «Roten Biel»
Das General-Motors-Automontagewerk von 1935 bis 1975

Zusammenfassung
Zwischen 1935 und 1957 sind in Biel für das Automontagewerk von General Motors verschiedene Bauten entstanden. Die 1935/36 von der Stadt errichteten Gebäude zeugen vom in die Zukunft gerichteten Geist der damaligen «roten» Regierung, die ihre sozialistischen Ideologien mit dem Architekturstil des Neuen Bauens in Verbindung brachte. Die Montagehalle von Rudolf Steiger und Carl Hubacher und das angebaute Verwaltungsgebäude überzeugen durch eine differenzierte Gestaltung, die gezielt auf den Ort und diverse Nutzungsanforderungen reagiert. Die 1948/49 und 1955–1957 errichteten Erweiterungsbauten nehmen den Stil der ersten Gebäude auf. Insbesondere bei den Warenlagern der Gebrüder Bernasconi ist die verfeinerte äussere Erscheinung bemerkenswert. Auffällig ist schliesslich die Erweiterung des Verwaltungstrakts, welche die Architektur des über zwanzig Jahre älteren Ursprungsbaus kopiert. Auf dem Firmenlogo Ende der 1950er Jahre symbolisiert das vergrösserte Gebäude nach wie vor die Modernität der Montagefabrik.

 

Dossier 6
Simon Bundi
Von den «pompösen Nebensächlichkeiten» zu den Linien der Vernunft
Wie Produktdesign und Architektur das Automobil prägten

Zusammenfassung
Die deutschsprachige Designelite kritisierte in den 1940er und 1950er Jahren amerikanisches Autodesign. Apologeten wie Max Bill sahen in den üppigen Blech- und Chromformen aus Detroit vor allem eines: sinnlose modische Spielereien, um die Käufer zu verführen. Dabei erfüllten schon damals Grossserienmodelle wie der Citroën 2CV Forderungen der «guten Form», dem Label des Schweizerischen Werkbundes. Mit dem Aufkommen der Trapez- und Rautenform (bei gleichzeitiger Reduktion des Chromschmucks) wird um 1960 klar, dass die Designmoderne dem Autodesign erhebliche Impulse verlieh. Selbstverständlich waren diese Vorläufer nicht auf die Schweiz beschränkt; ähnliche, ebenso breit rezipierte Strömungen anderer europäische Länder gehören genauso dazu wie der International Style in der Architektur der 1950er Jahre.

 

Dossier 7
Marcel Just
Stromlinienfaszination
Hans Erni und Paul Jaray

Zusammenfassung
Das monumentale Wandgemälde von Hans Erni für die Landesausstellung 1939 in Zürich widmet sich in einem kleinen Ausschnitt einer Passstrasse und dem Automobil. Durch eines der beiden gemalten Fahrzeuge wird der Stromlinienpionier Paul Jaray eingebunden. Diese Bezugnahme des Künstlers auf das Werk des Ingenieurs wird hier mit zum Teil neu aufgetauchten Arbeiten vorgestellt. Die Entwicklung der Stromlinie im Autobau wurde von Paul Jaray mit Modellen im Windkanal und mit Prototypen auf der Strasse erforscht und patentiert. Durch die Freundschaft mit Paul Jaray wurde auch Hans Erni von der Stromlinienfaszination angesteckt.

 

Dossier 8
Laurent Tissot
De la route aux livres : le tourisme automobile ou rendre tous les lieux accessibles

Zusammenfassung
Mit Büchern unterwegs: wie der Automobiltourismus Kulturgüter zugänglich machte
Sehr früh schon in der Entwicklung des Automobils wurde es für kulturelle Ausflüge und Reisen benutzt. Simone de Beauvoir beispielsweise beschrieb die Vorteile des Reisens im Auto im Rahmen der Schilderungen ihrer Italienreise. Im Zuge des aufstrebenden Automobiltourismus entstanden neue Reisegefährten wie die grünen Michelin-Führer, welche die Entdeckung von Baudenkmälern zum pädagogisch wertvollen Erlebnis machten. Auch in der Schweiz passten sich die Publikationen der neuen Entwicklung an. Denken wir nur an die Karten des Touring Clubs oder die Schweizerischen Kunstführer SKF der GSK.

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Pfister Fetz
Billet de la présidente
Corona-Fahrten

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Neuer Kunstführer zum Thema Solidarität
Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Jürg Schweizer
Zum Hinschied von Michael Gerber
Denkmalpfleger des Kantons Bern

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Friedrich Dürrenmatt als Zeichner und Maler
Das bildnerische Werk im Spannungsfeld von Mythos und Wissenschaft

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Heimatschutz unterwegs - Durch Stadt und Dorf

 

Reisen | Voyages | Viaggi

  • Mittelalterliche Perlen der Alpen
    Müstair, Zillis, Waltensburg, Giornico
     
  • St. Galler Kulturschätze
    Filigrane Kunstwerke: Stickereien, Stuckaturen, Stiftsbezirk

 

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Preis
CHF 25.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 17.00
Typ:
Buch
Abbildungen
160
Seitenzahl
92
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2020.2
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-652-4
Bandnummer
71. Jahrgang, 2.2020
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte