Die Schweiz – lange als Zuschauerin der europäischen Kolonialgeschichte betrachtet – rückt seit der Jahrtausendwende verstärkt ins Zentrum einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrem kolonialen Erbe. Unsere Autorinnen und Autoren sind der Frage nachgegangen, wie diese Verechtungen in die gebaute Umwelt, die materielle Kultur und das kollektive Gedächtnis eingewoben sind. So spiegeln Architektur, Kunst und Alltagsgegenstände vielfältige koloniale Verbindungen wider.
Exotisierende Bildwelten, wie sie im Rokoko in Kirchen, Herrenhäusern und sogar Bauernhäusern der Ostschweiz auftauchten, sind dabei ebenso Teil der Analyse wie die materielle Durchdringung des Alltags durch Kolonialwaren – etwa Baumwolle, die durch die Ostschweizer Weissstickerei bis in die intimen Sphären des Wohnens und der Kleidung vordrang. Auch die Architektur bietet als materielles Archiv kolonialer Ver- echtungen reichlich Anschauungsmaterial: Villen wie die Villa Patumbah in Zürich, finanziert durch Gewinne aus Tabakplantagen auf Sumatra, oder das Volkarthaus in Winterthur, Knotenpunkt eines globalen Baumwollhandels, stehen exemplarisch für die räumliche Manifestation kolonialer Wirtschasbeziehungen. Öffentliche Bauten wie Schulhäuser oder Bahnhöfe tragen bis heute Spuren kolonialer Weltbilder – sei es in Form von Wandmalereien, exotisierenden Figuren oder als Inschrien. Die Debatten um den Umgang mit solchen Zeugnissen spiegeln die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Verantwortung wider. So wird die vorliegende Ausgabe selbst zu einem Plädoyer für einen vielstimmigen, offenen und selbstkritischen Umgang mit unserem Kulturerbe.
Essay | Essai | Saggio
Chonja Lee und Gabrielle Schaad
Gebaute Kolonialität: Exotisierung und Weltaneignung in der Architektur der Schweiz
Kunstgeschichtliches Erbe und koloniale Weltordnung
Zusammenfassung
Die koloniale Schweiz wurde nicht allein durch Handelsverträge, Kapitalflüsse und Warenzirkulation hervorgebracht – sie wurde auch gebaut. Der Beitrag skizziert eine Bestandsaufnahme architektur- und kunsthistorischer Forschungsstränge zur kolonialen Schweiz und fragt, wie sich koloniale Verflechtungen in der gebauten Umwelt niederschlugen. Villen, Bildungs- und Ausstellungsräume, zoologische Gärten sowie von Schweizer Akteuren und Akteurinnen in kolonialen Kontexten finanzierte oder errichtete Bauten verbanden räumlich entfernte Schauplätze von Extraktion, Handel und Konsum. Zugleich trugen sie dazu bei, die Voraussetzungen dieses Wohlstands im bürgerlichen Alltag zu normalisieren. Ausgehend von der Baumwoll- und Textilwirtschaft als analytischem Leitfaden bündelt der Beitrag Themenfelder, Begriffe und methodische Zugänge, die Architektur-, Kunst- und Provenienzgeschichte miteinander verbinden. Er versteht gebaute Umwelt als materielles Archiv kolonialer Verflechtungen und eröffnet damit Perspektiven für die Erforschung und Vermittlung eines bislang nur punktuell erschlossenen Kulturerbes.
Dossier 1
Nikos Magouliotis
Vier Blickwinkel auf die kolonisierte Welt aus dem Appenzellerland
Exotische Bildwelten in der Ostschweiz zur Zeit des Rokoko
Zusammenfassung
Der Reichtum, der in der Zeit der Frühindustrialisierung und auf dem Höhepunkt des Kolonialismus in die Ostschweiz floss, führte sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten zu einem Bauboom. Und während sich Reichtum und Geschmack von den Villen der Handelselite auf die lokalen Bauernhäuser ausbreiteten, wurden exotische und koloniale Bildwelten Teil der Populärkultur und der Volkskunst. Doch Form und Bedeutung dieser Ikonographie veränderten sich im Übergang zwischen verschiedenen architektonischen und sozialen Räumen, künstlerischen Medien und kulturellen Praktiken – von der bürgerlichen Häuslichkeit bis hin zu ländlichen Mitgiftsausstellungen. Menschen verschiedener Klassen in Appenzell profitierten in unterschiedlichem Mass vom Kolonialismus und konnten sich auch koloniale Waren leisten. Die Probleme in den Überseekolonien waren vielen bewusst, in den eigenen vier Wänden wurde das Bild der kolonialisierten Welt auf unterschiedliche Weise konsumiert: Für die einen war es eine Erinnerung an die westliche Überlegenheit, für andere eine ethnographische Kuriosität und für wieder andere ein idyllisches Bild des Überflusses.
Dossier 2
Helia Jamshidi
Kolonialismus zwischen den Fingerspitzen
Die Handstickerei zwischen Bauernstube und Haube im späten 18.Jahrhundert
Zusammenfassung
Dieser Artikel verortet den Kolonialismus im ausgehenden 18. Jahrhundert zwischen den Fingerspitzen der Handstickerin. Die Weissstickerei aus der Ostschweiz erscheint uns oft als ländliche Tradition, während ihre kolonialen Verwicklungen unbeachtet bleiben. Die Architekturgeschichte des Kolonialismus hingegen richtet ihren Blick zunehmend auf monumentale Bauten der Handelsfamilien und ihre exotische visuelle Kultur. Dabei übersieht sie die Wirkung der weissen Baumwolle in der Heimarbeit. Sowohl die Stickerin am Fenster der Bauernstube als auch die Stickerin unter der bestickten Haube geraten in den Fokus: Sie sind beispielhaft für das Eindringen der kolonialen Baumwolle in die intime Sphäre des Wohnens und des Bekleidens. Die These lautet, dass die Heimarbeiterinnen über die Handstickerei aus Baumwolle in direkte Berührung mit dem Kolonialismus kamen. Einerseits mussten sie sich an das Material und die Handarbeit anpassen, andererseits ermöglichten diese ihnen neuen künstlerischen Ausdruck. Dieser Beitrag schlägt damit einen Perspektivwechsel vor, in der koloniale und exotische Architektur im meist anonymen Kunsthandwerk sowie im vermeintlich Gewöhnlichen spürbar wird.
Dossier 3
Francine Giese
Les vitraux de la salle néo-mauresque du château de Castell à Tägerwilen
Vers un regard nuancé sur l’orientalisme architectural
Zusammenfassung
Die Glasmalereien im neomaurischen Saal des Schlosses Castell in Tägerwilen
Die neomaurischen Glasmalereien im Schloss Castell zeigen eindrucksvoll, dass das Phänomen des architektonischen Orientalismus differenziert betrachtet werden muss. Die im 19. und frühen 20.Jahrhundert errichteten neoislamischen Bauten und Innenräume wurden viel zu lange als extravagante Folies exzentrischer Reisender wahrgenommen. Dieser Beitrag wirft ein½neues Licht auf die Thematik und zeigt, dass zahlreiche Auftraggeber und Architekten anerkannte Experten für islamische Kunst waren. Gleichzeitig hatten sie vor der Konzeption ihrer orientalistischen Bauwerke Studien vor Ort durchgeführt. Daher können die in dieser Zeit entstandenen Bauwerke und Innenräume auch als Spiegelbild des damaligen Wissensstands verstanden werden und heutige Fachleute dazu anregen, sie als historische Quellen zu untersuchen, die weitere Forschungen anregen.
Dossier 4
Ariane Varela Braga
De Grenade à Genève
La circulation des modèles islamiques dans l’enseignement des arts décoratifs
Zusammenfassung
Von Granada nach Genf: die Verbreitung islamischer Vorbilder in der Lehre der dekorativen Künste
Im 19. Jahrhundert machte das wachsende Interesse an der islamischen Kunst – begünstigt durch die koloniale Expansion und die Internationalisierung des kulturellen Austauschs – die Alhambra zu einem bevorzugten Vorbild in der Lehre der dekorativen Künste. Anhand von Genfer Beispielen – von der Société des Arts bis zum Musée des arts décoratifs – analysiert dieser Artikel die verschiedenen Medien. Darunter sind illustrierte Sammelbände, Abgüsse, Architekturmodelle und Zeichnungen von Schülern zu finden, welche der Lehre und Verbreitung des ornamentalen Repertoires dienten.
Dossier 5
Laura Pedrioli
Il Parco Scherrer di Morcote
Un giardino tra botanica e architetture dell’immaginario
Zusammenfassung
Der Scherrer-Park in Morcote
Der Scherrer-Park erstreckt sich entlang der Hügel von Morcote – ein Garten, in dem Botanik, Architektur und exotische Vorstellungswelten zusammenwirken, um eine einzigartige Landschaft zu schaffen. Der Park wurde ab den 1930er Jahren auf Wunsch von Hermann Arthur Scherrer (1881–1956) angelegt und reiht sich in die Tradition der Folly-Landschaftsgärten ein, die sich durch Bauwerke mit symbolischem, ästhetischem und szenographischem Charakter auszeichnen.
Neben der Gestaltung der Gebäude und der Auswahl der Pflanzenarten spielt die Sammelleidenschaft seines Schöpfers eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Parks. Auf einem Rundgang, der sich über verschiedene Terrassen schlängelt, lassen sich so Gärten mit klassischen Statuen, ein siamesisches Teehaus, ein ägyptischer Tempel, eine verkleinerte Nachbildung der Korenhalle auf der Akropolis in Athen und zahlreiche weitere eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten besichtigen.
Dossier 6
Paulina Minet
Erinnerungskultur trifft auf gesellschaftliche Verantwortung
Kunst, Architektur und Weltanschauung
Zusammenfassung
Gebäudeinschriften «Zum Mohrenkopf» oder «Zum Mohrentanz», exotisierende Figuren und ornamentale Schädel sind nicht länger vermeintlich «harmlose» Schmuckelemente an Fassaden. Als materielle Zeugnisse einer kolonial geprägten Weltordnung sind sie heute Teil des gesellschaftlichen Diskurses über Diskriminierung, Erinnerung und Verantwortung. Denn Architektur und Kunst sind Ausdruck von Zugehörigkeit, Machtverhältnissen und Weltanschauungen. Sie erzählen von ihrer Entstehungszeit – und wirken zugleich in die Gegenwart und Zukunft hinein.
Wie also mit dem baulichen Erbe umgehen, dessen historische Bedeutung mit seiner gegenwärtigen Wirkung kollidiert? Beispiele aus Zürich und Bern zeigen unterschiedliche Wege im Umgang mit diesen Spuren. Auch die zeitgenössische Kunst eröffnet Perspektiven für den Umgang mit kolonialen Zeugnissen. Als Archivare, Gegenstimmen zum kolonialen Blick oder Schutzinstanzen geben sie verborgenen Geschichten Raum. So stellt sich die Frage: Lässt sich der künstlerische Zugang auf die Architektur übertragen?
Dossier 7
Marnie Amato
Koloniales Erbe im Stadtraum
Wandmalereien von Otto Baumberger im Bahnhof Wiedikon
Zusammenfassung
Die Wandgemälde im Bahnhof Wiedikon verdeutlichen exemplarisch die Herausforderungen im Umgang mit kolonialen Bildwelten im öffentlichen Raum. Obwohl ihre historischen Bezüge nur mit Fachwissen vollständig erschlossen werden können, entfalten sie durch ihre dauerhafte Sichtbarkeit eine unmittelbare Wirkung in der Gegenwart und reproduzieren stereotype Vorstellungen des «Anderen». Der Beitrag zeigt, dass ihre heutige Relevanz weniger aus ihrer Entstehungsgeschichte als aus ihrer öffentlichen Präsenz und gesellschaftlichen Rezeption resultiert. Am Beispiel Wiedikon wird die Debatte in den grösseren Kontext von Erinnerungspolitik und der internationalen Diskussion um koloniale Denkmäler eingeordnet. Da öffentliche Räume im Gegensatz zu Museen nur begrenzte Möglichkeiten der Kontextualisierung bieten, stellt sich die Frage, welche historischen Darstellungen weiterhin sichtbar bleiben sollen und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit kolonialem Kulturerbe aussehen kann.
KdS | MAH | MAS
Christine Zürcher, Benno Mutter
Die Kunstdenkmäler des Kantons Solothurn V
Die Stadt Olten
Olten lag bereits zu römischer Zeit an der Kreuzung wichtiger Verkehrswege. In der Mitte des 19.Jahrhunderts wurde die Stadt zum Knotenpunkt der bedeutendsten schweizerischen Eisenbahnlinien. Bahnbau und Industrialisierung führten zu einem beispiellosen Bauboom, der früh das gesamte heutige Siedlungsgebiet erfasste. Insbesondere die Schulhäuser und Kirchen zeichnen sich durch ihre hohe Qualität aus.
Publikationen der GSK | Publications de la SHAS | Pubblicazioni della SSAS
Isabelle Roland
La villa La Grange
Ist unser kulturelles Erbe in Gefahr?
33. Europäische Tage des Denkmals in der Schweiz
Die Europäischen Tage des Denkmals vom 12. und 13. September 2026 nden unter dem
Motto «In Gefahr?» statt. Mehr als 400 Veranstaltungen geben Einblick in aktuelle Herausforderungen
der Kulturpege und beleuchten, welchen Gefahren unser kulturelles Erbe
ausgesetzt ist und wie wir es langfristig erhalten können.
Auslandreisen | Voyages à l’étranger | Viaggi all’estero
- Unsterbliche Pharaonen
Eine Reise nach Luxor, Assuan,Abu Simbel und Kairo - Schmelztiegel Andalusien
Kulturelle Nahtstellen von Islam und Christentum
Aktuell | Actuel | Attuale
Michael Leuenberger
50 Jahre Christoph Merian Verlag
Regional verankert, überregional präsent
In den Programmsparten Basel und Geschichte, Architektur, Kunst und Fotografie sowie Kultur und Gesellschaft veröffentlicht der Basler Verlag jährlich rund zwanzig Bücher. Dabei gehen gestalterische Vielfalt und hohe inhaltliche Ansprüche Hand in Hand.
Aktuell | Actuel | Attuale
Bernadette Fülscher
Eine Debatte zur General-Motors-Kraftzentrale, bitte!
Der Schweiz droht der Verlust eines Industriebaus von Rudolf Steiger
Direkt beim Bahnhof Biel droht derzeit der unwiederbringliche Verlust eines Gebäudes, das zu einer Schweizer Ikone des modernen Fabrikbaus zählt: zum ehemaligen Automontagewerk der General Motors Suisse S.A. (vgl. k+a 1/2020).
Bücher | Livres | Libri
- Novartis Campus Guide
Andreas Kofler, Goran Mijuk (Hg.)
Basel: Christoph Merian Verlag, 2024
228 Seiten, 254 Abbildungen
ISBN 978-3-03969-021-3
CHF 29.– - Kernkraftwerke
Nuclear Power Plants
Harald R. Stühlinger (Hg.)
Basel: Christoph Merian Verlag, 2026
208 Seiten, 119 Abbildungen
ISBN 978-3-03969-048-0
CHF 39.– - Kleine Basler Designgeschichte
Benjamin Adler, Meret Ernst,
Dorothée King
Basel: Christoph Merian Verlag, 2026
192 Seiten, 24 Abbildungen
ISBN 978-3-03969-058-9
CHF 24.–
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