k+a 2020.4 : Kunst und Architektur bei der Post | Art et architecture à la Poste | Arte e architettura per la Posta

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   Es gibt Dinge, die so selbstverständlich sind, dass man tagtäglich an ihnen vorbeigeht, ohne sie wirklich wahrzunehmen, so auch beim Gang zur Post – sei es, um Briefmarken zu kaufen oder ein Paket abzugeben: Den Brunnen vor der Postfiliale, das Betonrelief im Eingangsbereich, das Kunstwerk in der Schalterhalle (siehe Titelbild) sehen wir dabei oft nicht. Dabei gäbe es einiges zu entdecken.
   Als bundesstaatliche Einrichtung leistete der Postund Telegrafenbetrieb nämlich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen wichtigen Beitrag ans «Nation Building», wie Karl Kronig in seinem einleitenden Essay schreibt. Die Bautypologie reicht von ersten, repräsentativen Postpalästen über die seriöse «PTT-Moderne» der Zwischenkriegszeit bis zu den aufsehenerregenden Lösungen eines Theo Hotz in den 1970er Jahren.
   Gleichzeitig bedeutet die Ausstattung von Postfilialen mit Kunstwerken stets auch praktische Kulturförderung – mit dem Anspruch, der Bevölkerung zeitgenössisches Kunstschaffen näherzubringen. Das Portfolio «Kunst am Bau» der Post CH AG umfasst heute gut 130 Werke und ist damit einzigartig. Zudem befinden sich in der Kunstsammlung der Post über 400 bedeutende Werke. Aktuell wird die Sammlung neu ausgerichtet und der Öffentlichkeit bewusst zugänglich gemacht. Im Interview erläutert Diana Pavlicek, Leiterin der Kunstsammlung der Post CH AG, was es damit auf sich hat.

 

 

Essay | Essai | Saggio
Karl Kronig
Bauen für eine Nation
Von Postpalästen, PTT-Bauten und Kunst am Bau

Zusammenfassung
Die eidgenössische Post und ihre Poststellen, sowohl in repräsentativen Postpalästen als auch in bescheidenen Postablagen, sind die vertrauenerweckenden Zeichen, die der junge Bundesstaat nach 1848 bis in die entlegensten Regionen des Landes sendet. Damit erfüllt der Post- und Telegrafenbetrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Funktion für das «Nation Building». Architektur und Kunst visualisieren die Entwicklung eines staatlichen Unternehmens, dessen Bauten sich nach bescheidenen Anfängen im Optimismus der Belle Époque zu repräsentativen Postpalästen aufschwingen, um zwischen den Weltkriegen und danach wieder zurück zur guteidgenössischen, seriösen PTT-Moderne, die alles Extreme meidet, zu finden. Mit spannenden Ausnahmen – die es auch in der Architektur gibt – stellt sich die Kunst am Bau bei PTT-Gebäuden bis in die 1950er Jahre weitgehend in den Dienst des herrschenden Unternehmensgeistes. Das Ergebnis ist viel angewandte Kunst, handwerklich seriöse Auftragsarbeit und wenig innovative und individuelle Kunst – aber vielleicht geben die Werke gerade deshalb einen guten Zeitspiegel ab.

 

Dossier 1
Cornelius Krell
Kunst am Bau als Teil der Unternehmensidentität
Mario Merz’ Neoninstallation im Postbetriebszentrum Zürich-Mülligen

Zusammenfassung
1992 wurde die Neoninstallation Numeri Codati da 1 a 987 von Mario Merz in dem wenige Jahre zuvor fertiggestellten Postbetriebszentrum Zürich-Mülligen eingeweiht. Die vom Künstler bereits Mitte der 1970er Jahre entwickelte Installation harmonierte nicht nur perfekt mit der Architektur von Theo Hotz, sondern konnte zugleich auch mit Begriffen wie Internationalität, Innovativität und Individualität konnotiert werden, die perfekt zu einem Unternehmen wie der Schweizerischen Post passten. Merz’ Installation sowie Hotz’ Gebäude können rückblickend als Teil der Corporate Identity der Post betrachtet werden, in denen sich das Leitbild des Unternehmens auf ideale Weise widerspiegelte. Möglich wurde jedoch eine solche Verwendung von Kunst als Bestandteil der Unternehmensidentität erst, seitdem avantgardistische Kunst und Architektur in den 1970er Jahren zum kulturellen Mainstream gezählt werden können.

 

Dossier 2
Pauline Nerfin
Varini sans faux-semblant
Le travail de Felice Varini est l’essence même de la pratique du Kunst am Bau, tout en la réinventant de manière spectaculaire.

Zusammenfassung
Varini ohne Verstellung
Das Werk von Felice Varini verdeutlicht einerseits die Praxis von Kunst am Bau ganz essenziell und führt sie gleichzeitig auf faszinierende Art und Weise weiter. In Genf ist auf der Gewölbedecke in der Postfiliale an der Rue du Mont-Blanc eines seiner beeindruckendsten Werke zu sehen. Als Felice Varini im Jahr 1991 dort arbeitete, begegnete er einem denkmalgeschützten Gebäude, das fast 100 Jahre alt war und von den Brüdern John und Marc Camoletti im Beaux-Arts-Stil entworfen wurde. Der Künstler begegnete den Räumlichkeiten mit Verständnis und Respekt. Er fand eine raffinierte Lösung, um den historischen Raum mit zwei gelben Linien zu bespielen: Diese sind je nach Blickwinkel (un)unterbrochen gemalt, treffen aufeinander und bedecken eine Fülle von architektonischen und dekorativen Elementen. Einerseits entsteht dadurch eine Art optischer Täuschung – aber nicht nur. Denn der Betrachter muss aktiv sein, um das Werk zu erfassen. Erst dann erscheint die perfekte geometrische Form: zwei gelbe Kreise.

 

Interview | Interview | Intervista
Stephanie Ehrsam, Michael Leuenberger
Varini sans faux-semblant
Kunst- und Kulturförderung wird bei der Schweizerischen Post grossgeschrieben. Diana Pavlicek, Leiterin der Kunstsammlung, erklärt, wie Firmenkunst Zeitgeschichte spiegelt, wie sie die Sammlung in Zeiten des Umbruchs neu ausrichtet und innovative Wege in der Vermittlung geht.

 

Dossier 3
Simona Martinoli
Dalla posta nell’arte all’arte nella posta
Interventi artistici in edifici postali del XX secolo nel Canton Ticino

Zusammenfassung
Von der Post in der Kunst zur Kunst in der Post
Die künstlerischen Interventionen, die für die Hauptpostgebäude im Kanton Tessin durchgeführt wurden, bestechen durch Qualität und die Vielfalt der vorge schlagenen Lösungen. Ein kurzer Überblick, der sich auf die drei Städte Lugano, Locarno und Bellinzona konzen triert, bietet einen Querschnitt durch die von den Künstlern gewählten Gestaltungsansätze bei Postgebäuden im Laufe von fast einem Jahrhundert. Anfangs tendierten die ikonographischen Entscheidungen dazu, sich explizit auf den Bestimmungsort des Gebäudes zu beziehen: Die Künstler übersetzten visuell das Konzept der brieflichen und telegrafischen Kommuni kation, indem sie eine Art «Post ikonographie» kodifizierten. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzten sich künstlerische Interventionen durch, die eine eigene ästhe tische Autonomie erlangten und sich gleichzeitig auf die Architektur bezogen.

 

Dossier 4
Peter Röllin
Amor an den Altären der Post
Postalische Altäre zwischen Raffinesse, Symbolkraft und sozialer Bedeutung

Zusammenfassung
Sehr vieles hat sich heute an Formen der Überbringung von Botschaften im Vergleich zu gestern verändert. Elektronische Medien eröffnen seit den 1990er Jahren den blitzschnellen Austausch. Zuvor waren die Wege zum Briefkasten oder zum Schliessfach noch stärker von Gefühlen, Erwartungen und Emotionen, von Beglückungen und auch Ängsten begleitet. Zudem waren Architektur und Design der Post mehr als heute starke Träger eines nationalen Selbstverständnisses. Briefkasten und Schliessfach sind bis heute nützliche Einrichtungen geblieben, allerdings kaum mehr als Schlitze und Törchen zur Welt. Sichtbar systematisiert wurde das Postwesen der Schweiz seit der Einführung amerikanischer Schliessfächer um 1873. Im Blick zurück auf die vergangenen 200 Jahre wird der Bedeutungswandel der Poststationen bewusst, aber auch der Prozess zum heute hochtechnisierten und auch elektronischen Postverkehr. Amor, aber auch der digitale Schmutz haben sich eiligst und schon längst ins Netz verschoben.

 

Interview | Interview | Intervista
Pauline Nerfin
« La piste reste ouverte »
Conversation avec Mai-Thu Perret
En janvier 2016 est inaugurée l’installation In the Sandalwood forest there are no ordinary trees réalisée par l’artiste Mai-Thu Perret sur une façade de la poste de Montbrillant, à quelques pas de la gare de Cornavin. En raison de l’automatisation du tri postal, beaucoup d’espace intérieur était disponible et après de lourds travaux de rénovation, il a été loué par la Poste à d’autres institutions, notamment à l’Office cantonal de l’emploi ainsi qu’à l’Hospice général.

 

Dossier 5
Alex Winiger
Gemälde für den Schalterraum
Wandbildkunst in drei Schweizer Postgebäuden 1934–1971

Zusammenfassung
Die Ausstattung schweizerischer Poststellen mit Kunstwerken entsprang wie diejenige anderer öffentlicher Gebäude einerseits dem Gedanken der Kunstförderung, beinhaltete andererseits oftmals auch den Anspruch, der Bevölkerung aktuelle Kunstformen näherzubringen. Obwohl spätestens ab 1949 der Anspruch bestand, Kunstwerke in Neu- und Umbauten zu integrieren, gibt es in der Schweiz nicht mehr als eine Handvoll Gemälde in Postschalterhallen. Viele dieser Werke sind im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr verankert, zum Teil vernachlässigt und manchmal durch Umnutzungen oder Umbauten bedroht, wie die besprochenen Beispiele beispielhaft zeigen. Seit 2019 bemüht sich die Fachstelle Kunst der Schweizerischen Post, die noch vorhandenen Werke systematisch zu inventarisieren, ihre Bedeutung zu würdigen und restauratorische Massnahmen auf den Weg zu bringen, um sie in die Zukunft zu retten.

 

Dossier 6
Olivia Strasser
Die Vielfalt der schweizerischen Baukultur im Kleinstformat

Seit der Erfindung der Briefmarke transportieren die kleinen Markenbilder «Images» in jeden Haushalt und repräsentieren damit das jeweilige Land und dessen Kultur. Bildeten sie in den ersten Jahrzehnten nach Gründung des Bundesstaats 1848 haupt sächlich typisch schweizerische Symbole und Allegorien, wie das Schweizerkreuz, Helvetia, Tell und Tellensohn, ab, fanden ab 1914 erstmals symbolhafte Gebirgs land schaften (Mythen, Rütli, Jungfrau) und weitere zehn Jahre später auch Baudenkmäler und Architektur den Weg auf Briefmarken.

 

Dossier 7
Monica Bilfinger
Das Weltpostdenkmal in Bern
Neue Wege der Restaurierung

Zusammenfassung
Das Weltpostdenkmal auf der Kleinen Schanze in Bern wurde zum Gedenken an die Gründung des Weltpostvereins von 1875 errichtet. Die Schweiz stellte nicht nur den Standort zur Verfügung, sondern übernahm auch die Organisation und die Durchführung des Künstlerwettbewerbes sowie die Errichtung des Denkmals. Aus einem zweistufigen Wettbewerb ging René de Saint-Marceaux, Bildhauer aus Paris, als Sieger hervor. Die in Bern erhaltenen Modelle und Bauakten sowie die Tagebücher der Ehefrau, Marguerite de Saint-Marceaux, lassen den Entstehungsprozess des Denkmals nachvollziehen. Das Denkmal wurde schliesslich 1909 mit einer internationalen Gästeschar eingeweiht. Im Sommer 2020 wurde das Denkmal restauriert und mit einer neuen, nachhaltigen Methode, dem Auftragen einer Biopatina, für die nächsten Jahre konserviert.

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Pfister Fetz, lic. phil. I, Präsidentin GSK
Billet de la présidente
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Publikationen der GSK | Publications de la SHAS | Pubblicazioni della SSAS
Embleme der Schweizer Architektur
Die Schweizerischen Kunstführer präsentieren Juwelen der Schweizer Baukunst

 

Focus
Jasmin Christ
Veredeln Sie Ihre Sammlung von k+a!
Wie jedes Jahr bietet die GSK Ihnen die Möglichkeit, die vier diesjährigen Ausgaben von Kunst+Architektur in der Schweiz zu einem Buch binden zu lassen. Ein Besuch bei unserem Partner in Bümpliz.

 

Auslandreisen | Voyages à l’étranger | Viaggi all’estero
Deutsche Dome – Worms, Speyer und Mainz
Mit Besuch der Sonderausstellung «Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht»

 

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Preis
CHF 25.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 17.00
Typ:
Buch
Abbildungen
142
Seitenzahl
80
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2020.4
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-654-8
Bandnummer
71. Jahrgang, 4.2020
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte