k+a 2021.1 : Architektur für die Gesundheit | L’architecture au service de la santé | Architettura per la salute

Cover «Architektur für die Gesundheit | L’architecture au service de la santé | Architettura per la salute»

   Denken wir an Spitäler, beschleicht uns oft ein ungutes Gefühl, seit einem Jahr Pandemie ganz besonders. Es sind nicht die Orte, an denen wir uns gern aufhalten, es ist nicht die Bauaufgabe, die wir mit gestalterischen Höchstleistungen in Verbindung bringen, eher mit Monotonie. Kliniken sind technisch hochgerüstete Gesundheitsmaschinen mit endlosen Gängen, deren Ziel es ist, das nahtlose Ineinandergreifen von Abläufen zu ermöglichen. Menschen werden durchgeschleust, um gesund zu werden. Dass viele dieser Bauten aus den 1960ern und 1970ern jetzt in die Jahre kommen, verschafft dem Spitalbau in der Schweiz einen unglaublichen Schub: Etwa siebzig Projekte für Neubauten oder Erweiterungen befinden sich aktuell in der Planung und Umsetzung. Unter dem Schlagwort der «Healing Architecture» hat sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass eine menschenfreundliche Architektur mit Blick ins Grüne und Naturmaterialien wie Holz ganz entscheidend für die Genesung sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was mit dem Bestand geschieht: In Basel wird mit dem Umbau des Felix Platter-Spitals zu einem «Miteinanderhaus» mit genossenschaftlichem Wohnraum gerade Neuland betreten. Mehr dazu im Heft.
   Die faszinierende Frage, wie medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse eine Bauaufgabe inspirieren und beeinflussen, lässt sich an vielen Beiträgen in dieser Ausgabe nachvollziehen – sei es bei den Sanatorien in Leysin oder dem «Palazzo für die Augenheilkunde» in Zürich.

 

Essay | Essai | Saggio
Philippe Grandvoinnet
Concevoir l’architecture au prisme de la santé
Le sanatorium comme laboratoire des architectures de santé aux XIXe et XXe siècles

Zusammenfassung
Architektur durch das Prisma der Gesundheit entwerfen
Die Verbindung zwischen Architektur und Gesundheit manifestiert sich in einer Vielzahl emblematischer architektonischer Programme wie etwa bei Sanatorien. Als sich die Tuberkulose zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern zum ernsthaften Problem entwickelt, werden Sanatorien zur führenden Gesundheitseinrichtung. Ärzte und Architekten arbeiten eng zusammen, um Bauten zu entwerfen, deren architektonische Gestaltung aktiv zum Erfolg der Behandlung beiträgt. Dazu gehört etwa die Offenheit für Luft und Licht, die einhergeht mit der Möglichkeit zur systematischen Desinfektion der Innenräume. Vielerorts werden die Sanatorien zum Aushängeschild der modernen Architektur in Europa – sie loten die Möglichkeiten aus, wieweit Baukunst zum Wohle der Gesundheit und des Behandlungserfolgs beitragen kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiten sich die Gestaltungsprinzipien der Sanatorien auf andere architektonische Programme im Bereich Gesundheit, Bildung, Freizeit und sogar Wohnen.

 

Dossier 1
Britta Hentschel
Die städtebauliche Dimension von Fürsorge und Gesundheit am Beispiel Solothurn
Krankheit und Gesundheit zählen zum Subtext der europäischen Stadt

Zusammenfassung
Für die Schweiz, aber auch für die Entwicklung einer europäischen Fürsorgearchitektur charakteristisch kann der Riegel aus Oberem und Unterem Spital zusammen mit dem östlich anschliessenden Arbeitshaus und Gefängnis in der Vorstadt von Solothurn gewertet werden. Städtebaulich prominent am Brückenkopf gegenüber der Altstadt gesetzt, werden hier während mehr als 600 Jahren Reisende empfangen, Alte, Waisen und Kranke versorgt und Kriminelle verwahrt. Als Zeichen guter und handlungsfähiger Herrschaft werden diese potenziell bedrohlichen Gruppen von der eigentlichen Stadt in prachtvoller Architektur realiter wie visuell wirkungsvoll abgeschirmt und Verantwortlichkeiten architektonisch wie städtebaulich definiert.

 

Dossier 2
Fabian Felder,  Michael Leuenberger
Im Spital zu Hause – neue Wohnformen in Basel
Nachhaltige Umnutzung zu gemeinschaftlichem Wohnraum

Zusammenfassung
Das Felix Platter-Spital in Basel gilt als typischer Bau der Nachkriegsmoderne. Nach einer breiten öffentlichen Diskussion wurde der qualitätsvolle Bau – anfänglich entgegen dem Willen des Basler Regierungsrats – unter Schutz gestellt. Die Umnutzung des Spitals bis 2023 ermöglicht erschwinglichen Wohnraum mit über 130 Genossenschaftswohnungen.

Interview | Interview | Intervista
«Die Umnutzung eines Gebäudes fordert Respekt, die Ergründung der Seele des Gebäudes und den Mut, eigene Ideen kraftvoll umzusetzen.»

Thomas Stegmaier ist Architekt, Mitglied der Geschäftsleitung und langjähriger Partner der Rapp Architekten AG, Münchenstein/Basel. Seit Jahren arbeitet er in Kooperationen mit nationalen und internationalen Architekten an verschiedenen Projekten und Wettbewerben grosser und komplexer Bauaufgaben im Umfeld Gesundheit, Life Sciences sowie Lehre/Forschung.

Klaus Spechtenhauser
Spital wird Wohnbau
 

Dossier 3
Ursula Reis
«Bade, trinke, atme!»
Die vergessene Vielfalt der Kurorte in der Schweiz

Zusammenfassung
In der Hauptbibliothek - Medizin Careum der Universität Zürich befindet sich eine Sammlung von Broschüren aus zahlreichen grösseren und kleineren Schweizer Kurorten, die heute oftmals in Vergessenheit geraten sind. Aus heutiger Sicht besonders faszinierend sind die sorgfältig gestalteten und reich illustrierten Werbebroschüren. Etwa die Hälfte dieser Drucksachen stammt aus Badekurorten, die andere Hälfte aus Klima- und Luftkurorten. Die Einteilung ist allerdings fliessend, da meistens mehrere Heilfaktoren beworben wurden, etwa neben den Heilquellen auch noch das wohltuende Klima oder die speziellen, vor Ort gebotenen Therapien. Balneologie und medizinische Klimatherapie waren anerkannte Therapien bei chronischen Leiden aller Art. Der Einfluss der um die Jahrhundertwende immer populärer werdenden Naturheilkunde war ebenfalls gross. Eine spezielle Stellung nahmen Tuberkulosesanatorien ein, die Erkrankte für Liegekuren umwarben. Die Patientinnen und Patienten lagen viele Stunden in offenen Liegehallen an der frischen Luft und in der Sonne, um ihren Gesundheitszustand zu bessern.

 

Dossier 4
Dave Lüthi
Leysin et ses sanatoriums
Apparition, développement et disparition d’une architecture curative (1890-1940)

Zusammenfassung
Leysin und seine Sanatorien
Der Kurort Leysin war für die Ärzte eine vollkommene Therapiestätte, deren Luft und Sonne die geeigneten Mittel gegen die Tuberkulose darstellten. Nach und nach übernahm auch die Architektur eine zentrale Rolle im Kurwesen. In einer ersten Phase kopierten die Sanatorien die alpinen Hotels, orientieren sich aber kurz vor 1900 an anderen Modellen, insbesondere aus Deutschland, wie sie in wissenschaftlichen Publikationen beschrieben wurden. Daraus entwickelte sich der «Leysin- Typus», ein Gebäude mit vorgelagerten Balkonreihen, dessen Konzept, Struktur und Materialien die Bauten in kleine «Pflegefabriken» verwandelten. Während der Zwischenkriegszeit erfuhr die Architektur eine diskrete Modernisierung, die namentlich Davos und Arosa prägen sollte. Die wirtschaftlichen Verhältnisse verhinderten jedoch eine echte Entwicklung, und mit dem Aufkommen der Antibiotika in den 1940er Jahren verlor Leysin allmählich seine Kranken und mit der Zeit auch wesentliche Teile seines gebauten Kulturerbes.

 

Interview | Interview | Intervista
Fabian Felder
Zeitlose Einfachheit
Der Erweiterungsbau der WHO in Genf

Raphael Kräutler lernte bei seinem Studium an der ETH Zürich Maurice Berrel kennen,
mit dem er 2003 ein Architekturbüro in Zürich gründete. Durch die Fusion mit Jürg Berrels Büro in Basel entstand 2008 das generationenübergreifende Unternehmen Berrel Berrel Kräutler Architekten.

Der Erweiterungsbau mit Büroturm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Berrel Berrel Kräutler Architekten wurde Ende 2020 fristgerecht fertiggestellt. Die internationale Organisation hatte seit den 1960er Jahren ihren Hauptsitz im modernistischen Gebäude (Gebäude A) des Schweizer Architekten Jean Tschumi, über die Jahre entstand ein Campus von 16 Gebäuden – eine Raumklärung wurde nach der Jahrtausendwende dringend nötig. Wir haben uns mit dem Architekten Raphael Kräutler über das Projekt unterhalten.

 

Dossier 5
Nadia Pettannice
Ein Palazzo für die Zürcher Augenheilkunde
Wenn Ärzte planen und Architekten bauen

Zusammenfassung
Seit 1850 wurden in vielen europäischen Städten Augenkliniken gebaut. Sie sind Ausdruck für die Abspaltung der Augenheilkunde von der Chirurgie. Um ihren Anspruch auf Eigenständigkeit durchzusetzen, konstruierten die Augenärzte ihre Patienten als Spezialkategorie, deren Gesundung sie massgeblich von den architektonischen Verhältnissen abhängig machten. Die Augenärzte beliessen es aber nicht nur bei der Forderung nach einem separaten Neubau, sie entwickelten gleich auch Bauanweisungen für die perfekte Klinik und traten als Experten für die Architekten auf. Dabei bewegten sich beide Parteien im Spannungsfeld zwischen Repräsentation, Funktionalität und Ästhetik. In Zürich wurde 1896 ein solcher Neubau eröffnet, der bis 1953 den Ansprüchen der Augenärzte genügen sollte. Bis heute ist er ein in den Grundzügen erhaltenes, sandsteinernes Zeitzeugnis für die Hochblüte der Zürcher Augenheilkunde und des Historismus.

 

Dossier 6
Claudia Hermann
Das städtische Armenspital als Bauaufgabe
Das frühe Stadtspital in Luzern im europäischen Kontext

Zusammenfassung
Die bauliche Gestalt des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spitals besteht aus einer Mischung von Profan- und Sakralbau. Als Ausgangspunkt zur Erforschung der Baugeschichte des städtischen Spitals dient das Hl.-Geist-Spital in Luzern, ein «Hospitale pauperum» oder Armenspital, als Unterkunftsstätte für Bedürftige aller Art, sowohl Einheimischer wie auch Durchreisender. Es wird mit den Armenspitälern von Städten im ehemaligen Bistum Konstanz verglichen: Bern, Zürich, Schaffhausen, St. Gallen, Burgdorf sowie Stein am Rhein. All diese Armenspitäler stehen in einem gesamteuropäischen Spitalbaukontext. In der architektonischen Form und konstruktiven Ausführung unterliegt die Baugattung «Spital» verschiedenen Einflüssen: Ihre bauliche Gestalt orientiert sich an anderen zeitgenössischen Kapellen, Schlafsälen oder Bürgerhäusern mit allen regionalen Eigenarten, für die Organisationsform und die räumliche Aufteilung dienen jedoch zumeist andere Spitäler als Vorbilder.

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Bauermeister
Billet de la direction
Unsere Jahresversammlung via «Zoom»

 

KdS | MAH | MAS
Stephanie Ehrsam
KiDS Die Seiten zum gemeinsamen Entdecken
Mit wem turtelt die Nixe in der Kirche?
>> www.gsk.ch/de/wettbewerb-fabelwesen.html

 

Publikationen der GSK | Publications de la SHAS | Pubblicazioni della SSAS
Vom Armenspital zum Kongresszentrum
Spitalbauten haben die Gestalt von Schweizer Städten über Jahrhunderte geprägt, wie der neue Kunstführer das «Alte Spital und die Spitalapotheke in Solothurn» zeigt. Auch andere Kunstführer bringen uns die Vielfalt dieses besonderen Kulturerbes näher.

 

Ausstellungen | Expositions | Esposizioni
Carol Ribi
Warja Lavater – Kunst für Zürich
Ab März 2021 ist in der Zentralbibliothek Zürich die Ausstellung «Warja Lavater: Sing-Song-Signs & Folded Stories» zu sehen. Im Vorfeld wurde ein Wandbild für die SAFFA 1958 und eine Wandgestaltung für die Wasserversorgung Zürich 1972–1985 entdeckt.

 

Auslandreisen | Voyages à l’étranger | Viaggi all’estero

  • Bauhaus – die neuen Museen
    Grand Tour der Moderne
  • Campania felix!
    Kunst und Lebenskunst am Golf von Neapel und Cilento

 

Bücher | Livres | Libri

  • Das Haus zum Kirschgarten
  • Das Zunfthaus zur Meisen in Zürich
  • Colombier, de la villa romaine au château
  • Tonhalle mit Musikschule am Petersplatz
  • Saga Le Corbusier
  • Un siècle d’architecture à Genève (1814-1914) Promenades

 

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Preis
CHF 20.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 14.00
Typ:
Buch
Abbildungen
144
Seitenzahl
80
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2021.1
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-725-5
Bandnummer
72. Jahrgang, 1.2021
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte